Krauss-Maffei-Chef: „Für uns waren die Chinesen ein Glücksfall“

2023-02-28 13:53:23 By : shen qinmei

Der Hamburger Hafen ist nicht das einzige Unternehmen, auf den chinesische Investoren ein Auge geworfen haben: Krauss Maffei wurde 2016 übernommen. Der Chef zieht ein positives Resümee.

München – Krauss Maffei ist eher ein medienscheues Unternehmen – und das aus gutem Grund: 2016 wurde die deutsche Traditionsfirma von einem chinesischen Staatskonzern übernommen. Kritiker warnten damals vor dem Ausverkauf deutscher Technik. Außerdem wird der Maschinenbauer oft mit dem Panzerbauer Krauss Maffei Wegmann verwechselt, der nebenan den Leopard II baut.

Manchmal stehen sogar Demonstranten vor dem Firmensitz, die schickt man dann routiniert weiter. Lange muss Krauss Maffei das aber nicht mehr machen: Das Stammwerk zieht von Allach im Münchner Nord-Westen nach Parsdorf im Münchner Osten. Es wird einer der größten Umzüge im Freistaat seit Jahrzehnten, weshalb Michael Ruf, der das Unternehmen seit 2020 leitet, wieder mehr an die Öffentlichkeit geht.

Herr Ruf, Krauss Maffei zieht von Allach nach Parsdorf. Weshalb?

Unser Areal in Allach stammt aus den 1930ern, die Gebäude sind in die Jahre gekommen. Sie bieten keine Möglichkeit mehr für Wachstum und Effizienzsteigerungen. Deshalb investieren wir in eine neue Fabrik. Für das Unternehmen ist das ein Umbruch wie 1935, als wir vom Marsfeld in München, wo heute der Circus Krone steht, nach Allach gezogen sind. Der Umzug zeigt, dass wir gerade ein neues Krauss Maffei bauen. Er ist der Sprung zu einem modernen und internationalen Konzern. Zugleich bleiben wir ein Traditionsunternehmen mit einer bald 185-jährigen Geschichte.

Es war schwer, ein Gelände zu finden, auf dem man 250.000 Quadratmeter bebauen kann – das entspricht 35 Fußballfeldern. Wir haben rund 60 Standorte geprüft. Den Ausschlag für Parsdorf haben unter anderem die gute Anbindung an die Autobahn, die S-Bahn und die Unterstützung der Gemeinde Vaterstetten gegeben.

Anfang November haben wir mit dem Umzug begonnen, er wird etwa ein Jahr dauern. Das ist einer der größten Umzüge im Großraum München, seit der Flughafen von Riem ins Erdinger Moss verlegt wurde. Wir benötigen rund 800 Lkw, 30 Schwertransporte und müssen vier Mal die Autobahn sperren lassen. Es wird sich aber lohnen: Das neue Werk ist hochmodern und dort können wir endlich so produzieren, wie man das im Maschinenbau heute eigentlich tut.

Bei Krauss Maffei denken viele an Panzer. Die bauen Sie aber gar nicht.

Nein, das ist die Firma Krauss Maffei Wegmann, die in Allach direkt nebenan sitzt und auch dort bleibt. Wir waren bis 1999 zusammen mit der Lokomotivproduktion, die heute zu Siemens gehört, ein Unternehmen.

Ganz kurz: Was stellt Krauss Maffei her?

Wir stellen Maschinen her, mit denen man Kunststoff verarbeitet. Also Spritzguss, Extrusion, industrieller 3D-Druck und Recycling. Jeder kommt mit Produkten in Kontakt, die aus unseren Maschinen stammen. Egal ob Zahnbürsten, Fernseher, Autoteile oder Handyschalen.

Im Moment wird viel über chinesische Übernahmen gestritten. Sie sind 2016 von einem chinesischen Konzern gekauft worden. Wie ist die Erfahrung mit den neuen Besitzern?

Unser Mehrheitseigner ist der Staatskonzern Sinochem. Die Übernahme war das Beste, was uns passieren konnte. Von 2002 bis 2016 waren wir durch die Hände von drei Finanzinvestoren gegangen, die das schnelle Geld wollten. Das verursachte einen Investitionsstau und viel Unsicherheit. Mit Sinochem haben wir endlich einen langfristigen Investor, der uns vollen Rückhalt gibt und bei Investitionen und Finanzierungen hilft. Das Wesentliche ist aber: Die Entscheidungen werden weiter in München und nicht in China getroffen.

Es gibt sicher keine Einflussnahme aus China?

Nein, das operative Geschäft und die Strategie bestimmen wir. Investitionsentscheidungen müssen wir absprechen, aber das ist Standard. Dafür bringt uns die Partnerschaft viele Vorteile. Sinochem hilft uns, den wichtigen Markt in China zu erobern. Auch die massiven Investitionen von über 100 Millionen Euro seit 2019 in die neuen Werke in Parsdorf, Laatzen, Einbeck und Jiaxing in China wären ohne Sinochem sicher nicht denkbar gewesen.

Verstehen Sie die Bedenken dagegen, dass sich Chinas Staatskonzern Cosco in den Hamburger Hafen einkaufen will?

Ich bin nicht der Bundeskanzler und muss das nicht entscheiden. Und ich kann auch nicht beurteilen, was das für diese Firmen konkret bedeutet, das muss man von Fall zu Fall betrachten. Für Krauss Maffei waren die chinesischen Investoren aber ein Glücksfall. Zu Beginn waren auch bei unseren Mitarbeitern Vorbehalte da. Die waren aber schnell weg, als man gemerkt hat, dass China sich nicht einmischt und auch unsere deutsche Identität mit der Zentrale in München nicht in Frage steht.

Krauss Maffei wurde 1838 in München gegründet. Ist das Unternehmen noch eine deutsche Firma?

Wir sind ein internationales Unternehmen mit etwa 40 Tochtergesellschaften und Produktionsstätten auf der ganzen Welt, das aus seinem Firmensitz in Deutschland gesteuert wird. Das bleibt auch so. Sonst hätten wir nicht in Parsdorf eine neue Zentrale gebaut.

Plastik hat ein miserables Image. Hat die Branche denn überhaupt Zukunft?

Natürlich! Stellen Sie sich eine Intensivstation ohne Kunststoffe vor – da bleibt nicht viel übrig. Plastik hat ein schlechtes Image, weil es viel zu oft als Abfall in der Natur landet. Deshalb bauen wir Maschinen, mit denen man den Kunststoff immer wieder verwerten kann. Wir setzen stark auf Recycling, damit die Stoffe nicht auf dem Müll landen, sondern ein neues Leben bekommen. Aus alten Eimern kann man zum Beispiel bestens neue, hochwertige Autoteile machen.

Ihr Vorgänger hatte zwei Milliarden Euro Jahresumsatz als Ziel ausgegeben. Zuletzt steckte Krauss Maffei aber in einer Krise. Gilt das Ziel noch?

Das lag vor allem an der Krise im Autobau, der 40 Prozent unserer Maschinen abnimmt. Aber jetzt sind unsere Auftragsbücher wieder voll und wir wollen zurück an die Spitze der Kunststoffindustrie. Die Umsatzhöhe ist dabei einer von mehreren Faktoren.

Wo sehen sie denn gute Chancen für Wachstum?

In den Bereichen Umweltschutz und Recycling sehen wir großes Potenzial und investieren dort stark. Wir haben eine enorme Nachfrage nach Maschinen, die weniger Energie und Kunststoff verbrauchen als bisher. Auch unsere Recyclingmaschinen sind sehr gefragt. Nur um ihnen ein Gefühl zu geben: Die sind 30 bis 40 Meter lang und zehn Meter hoch und schaffen acht Tonnen Material pro Stunde. Immer mehr Hersteller setzten wiederverwertbare Kunststoffe ein.

Nur in Europa oder weltweit?

In Europa und momentan besonders in den USA. Asien hat noch Nachholbedarf, doch auch dort wird Recycling unaufhaltsam zum Thema.

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