Hergestellt aus organischen Produkten und restlos kompostierbar: FluidSolids des gleichnamigen Schweizer Startups ersetzt auf nachhaltige Weise Kunststoffe. Besuch beim findigen Kopf hinter der Firma.
Tüftler, der «einfach macht»: Beat Karrer, Gründer von FluidSolids.
FluidSolids stellt aus organischen Abfällen einen kompostierbaren Kunststoffersatz her.
Produkte aus diesem Material zersetzen sich innerhalb von zwei Monaten auf dem Hauskompost.
Hinter FluidSolids steckt der findige Tüftler und Autodidakt Beat Karrer.
Beat Karrer steht vor einer ehemaligen Lagerhalle auf dem Areal der SBB Werkstätte in Zürich und raucht. Als er mich sieht, hellt sich sein Blick sofort auf. «Hallo ich bin Beat», nimmt mich der 56-Jährige in Empfang – kräftiger Händedruck, offener Blick, gebündelte Energie. «Lass uns hineingehen», sagt er fröhlich und drückt die Zigarette aus.
«Hinein» bedeutet in das Herz des Startups FluidSolids: Bürotische, Kaffeemaschine, ein Heizlüfter und dahinter liegende, durch ein Fenster sichtbare Räume mit einer grossen Maschine und Lagergestellen. FluidSolids AG wurde 2011 von Karrer gegründet, mittlerweile haben das Schweizer Fernsehen und Printmedien mehrmals über das Startup berichtet.
Der Grund: Karrer und sein Team haben ein Material entwickelt, das zu hundert Prozent aus biologischen Abfällen wie Nussschalen, Holzfasern oder Kaffeesatz hergestellt wird und feste Kunststoffe ersetzt. Eben erst ist das zweite Produkt in Massenproduktion gegangen: ein vom Büro Shibuleru gestaltetes, mit dem Schweizer Designpreis ausgezeichnetes Einweg-Besteck bestehend aus Löffel, Gabel und Messer.
Der Clou: Das Material der FluidSolids-Produkte besteht aus organischen Abfällen, natürlichen Bindemitteln und nachhaltigen Additiven. Die Produkte zersetzen sich im Hauskompost innerhalb von ein, zwei Monaten vollständig. «Das Besteck wäre sogar essbar», sagt Karrer grinsend, ein befreundeter Gastronom habe den Test gemacht.
Kompostierbare Produkte sind indessen nicht neu: Aus Rohstoffen wie Papier oder Bambus entsteht zum Beispiel auch heute schon kompostierbares Einweg-Geschirr. «Unser Ausgangsprodukt wird jedoch aus lokalen Produkten und nicht mit Rohstoffen aus fernen Ländern hergestellt», verdeutlicht Karrer.
Avalyn Müller stellt mit der Spritzguss-Anlage im Hintergrund Testprodukte her, um beispielsweise die Festigkeit des Materials zu prüfen.
Alle Herstellungs-Prozesse seien offiziell zertifiziert, die Herkunft der Rohstoffe ist restlos nachverfolgbar. «Wir halten uns an DIN-Normen statt an Labels», sagt er mit einer Spitze gegen Nachhaltigkeits-Labels, die einem Produkt gegen die Bezahlung den grünen Stempel aufdrücken. Karrer: «Es wird viel Greenwashing betrieben.»
Er habe sich eines Tages überlegt, wie man aus Abfall Produkte gewinnen könnte. Aus Neugierde begann er zu tüfteln und entwickelte erste Prototypen. Er sei ein Autodidakt, seine Methode nennt er «get shit done».
Als er erste gute Resultate hatte, engagierte er die doktorierte Chemikerin Francesca Tancini. Sie machte aus der Idee ein brauchbares Produkt: FluidSolids. Zusammen mit Fachhochschule Ost in Rapperswil entwickelte er daraufhin einen sogenannten Compounder für die Herstellung des Granulats.
Der Compounder ist das Herzstück des Startups: Er kommt bei Unternehmen zu stehen, wo organische Abfälle anfallen und die das Granulat vor Ort produzieren wollen. Je nach Bedarf verkauft das Unternehmen die Ware oder stellt mit einer zusätzlichen Spritzguss-Maschine Produkte für den Eigenbedarf her. «Wir bauen aktuell eine erste Anlage in der Schweiz», sagt Karrer.
Für Karrer hat die Reise damit erst begonnen. Er hat bereits zwei weitere Patente angemeldet: für einen feuerfesten Kunststoffersatz sowie einen, der übers Papier-Recycling entsorgt werden kann. Zusammen mit Swisscom entstehen zudem nachhaltige Gehäuse für Informations- und Kommunikationsprodukte. Er sei der geborene Tüftler, schliesst er, man müsse Dinge «einfach machen».
Mit dem Schweizer Designpreis ausgezeichnet: Das FluidSolids-Besteck wäre sogar essbar.
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